Weibliche Unlust in der Sexualtherapie

Weibliche Unlust hat in der Paarsexualität schon immer eine große Bedeutung. Im Jahr 1966 beschrieben die Pioniere der Sexualtherapie Virginia E. Johnson (1925 – 2013) und William H. Masters (1915 – 2001) in ihrem Hauptwerk Human Sexual Response zum ersten Mal den Ablauf eines typischen sexuellen Reaktionszyklus und bestimmten damit die Richtung für die Therapie sexueller Problematiken für die nächsten Jahrzehnte.
4-Phasen-Modell
Das von ihnen entwickelte Vier-Phasen-Modell legte nicht nur die Reihenfolge der sexuellen Reaktion für Männer und Frauen fest, sondern postulierte diese auch als einen natürlichen Prozess, der bei gesunden Personen von allein abläuft. Sexuelle Erregbarkeit wurde damit zu einem körperlichen Prozess ähnlich wie die Verdauung oder der Schlaf. Nach Masters und Johnson beginnt alles mit dem sexuellen Verlangen (1), gefolgt von der körperlichen Erregung (2), einem oder mehreren Orgasmen (3) und der abschließenden Rückbildung (4). Die einzelnen Phasen können zwar individuell von der Dauer oder Intensität abweichen, solange sie jedoch nicht gestört werden, folgt die sexuelle Reaktion immer derselben biologischen Choreografie dieser vier Phasen.
Mit der Entwicklung dieses Modells und der intensiven Beschäftigung mit den einzelnen Phasen identifizierten Johnson und Masters viele Störenfriede der natürlichen Sexualität: Zwänge, Ängste, Vorstellungen, Verbote etc., welche die Erregung in jeder Phase unterbinden oder unterbrechen können und damit zur Unterbrechung des natürlichen Flusses unserer sexuellen Erregung führen. Diese können auch für die weibliche Unlust ursächlich sein.
Lust oder Unlust – Entstehung von sexuellem Verlangen
Für jede körperliche Erregung werden auslösende Reize benötigt. Wir alle besitzen ein sexuelles „Lustsystem“, welches durch zwei verschiedene Wirkmechanismen kontrolliert wird:
- Aktivierende Kontrolle: Ein erotischer Reiz wird wahrgenommen und das Lustsystem „angelassen“. Diese Aktivierung führt zu einem Verhalten, welches eine sexuelle Aktivität wahrscheinlich macht.
- Hemmende Kontrolle: Ein erotischer Reiz wird wahrgenommen und löst Gefühle wie Angst und Furcht aus. Eine sexuelle Aktivität soll auf jeden Fall vermieden werden, das Lustsystem wird gehemmt.
Weibliche Unlust kann der hemmenden oder der fehlenden aktivierenden Kontrolle unterliegen.
Sexuelle Unlust – die Wahrnehmung von erotischen Reizen

Ob nun ein Reiz aktivierend oder hemmend wahrgenommen wird, ist für jede Person unterschiedlich. Damit bekommen diese Reize eine persönliche Bedeutung, die in erster Linie durch die jeweiligen persönlichen Erfahrungen begründet ist. Manche dieser Erfahrungen können benannt und damit bewusst erklärt werden. Die meisten der prägenden Erfahrungen sind im unbewussten Teil unserer Erinnerungen hinterlegt. Es existieren dann automatisierte Reiz-Reaktions-Schemata (aktivierend oder hemmend), die unsere sexuelle Aktivität bestimmen.
Jeder Mensch kann sexuelle Informationen wahrnehmen, sie verarbeiten und körperlich darauf reagieren, auch wenn diese Prozesse unbewusst sind. Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, verändern individuell interpretierte Reize unsere körperliche Haltung für oder gegen eine sexuelle Aktivität. Meist werden diese Prozesse erst dann bewusst, wenn wir eine verstärkte positive Erregung wahrnehmen.
Im umgekehrten Fall bedeutet dies, dass wir die hemmenden Reize unseres Lustsystems ebenfalls oft nicht bewusst wahrnehmen. Viele Paare beschreiben, dass sie im Urlaub oft mehr und besseren Sex haben als zuhause. Eine Begründung könnte der Wegfall hemmender Faktoren wie Stress, Schlafmangel etc. sein. Die individuellen Reaktionsschemata auf die hemmenden Reize bleiben jedoch weiterhin unbewusst – und damit auch die Ursache für die sexuelle Unlust.
Die Anzahl erotischer Reize
Nicht nur die individuelle Interpretation eines Reizes als aktivierend oder hemmend, sondern auch die allgemeine Anzahl der zur Verfügung stehenden sexuellen Reize entscheidet über die sexuelle Aktivität einer Person.
Je mehr sexuell stimulierende Reize eine Person kennt, umso leichter ist sie erregbar. Doch aktivierende sexuelle Reize brauchen Erfahrungen. Es ist daher sinnvoll, durch positive körperliche Erfahrungen stabile Reiz-Reaktions-Muster aufzubauen.
Das Erlernen positiver (und negativer) sexueller Reize ist lebenslang möglich!
Entscheiden Lust oder Unlust über die sexuelle Aktivität?
Auf die erste Phase nach dem Modell von Masters und Johnson – das sexuelle Verlangen (Lust) – folgen die Phase der sexuellen Erregung und die sexuelle Aktivität. Dieses Modell gilt heute als eine Alternative für die sexuelle Reaktion. Besonders für die weibliche Sexualität wurden in den letzten Jahrzehnten neue Modelle aufgestellt.
Rosemary Basson – sexuelle Lust als Reaktion auf sexuelle Aktivität
Rosemary Basson entwickelte ein Modell der weiblichen Sexualität, das dem Verhalten von Frauen in dauerhaften Beziehungen entsprechen soll. Nach Basson muss der Reiz, der einer sexuellen Begegnung vorausgeht, nicht zwingend aus dem erotischen Bereich kommen. Vielmehr lassen sich Frauen oftmals auf sexuelle Aktivität ein, ohne selbst eine sexuelle Lust zu verspüren. Die Wahrnehmung der sexuellen Lust des Partners kann andere – nicht sexuelle – Wünsche (Lüste) aktivieren und die Frau dazu veranlassen, eine positive Haltung zu folgenden sexuellen Begegnungen einzunehmen. Während dieser sexuellen Handlungen kann dann die eigene Erregung und sexuelle Lust entfacht werden.
Frauen verspüren in diesem Modell keine initiative Lust auf Sex. Sie werden nicht durch erotische Reize in eine körperliche Erregung versetzt, sondern durch Bedürfnisse aus anderen Motivationsgruppen, wie Liebe und Intimität. Aus diesem „neutralen“ Zustand kann durch Aufnahme der sexuellen Stimulation die Lust auf Sex erzeugt werden. Weibliche Unlust wird neu interpretiert.
Zyklusabhängige Lust – evolutionspsychologische Untersuchungen
Der weibliche Zyklus dauert im Durchschnitt 28 Tage und unterteilt sich in zwei Phasen: die fruchtbaren Tage um den Eisprung und die unfruchtbaren Tage. Unabhängig davon, wie lang der Zyklus dauert, findet der Eisprung immer 14 Tage vor dem Beginn der Menstruationsblutung statt. Der weibliche Zyklus ist geregelt durch Veränderungen in der Hormonausschüttung, des Vaginalsekrets und der Körpertemperatur.
Zeitgleich lassen sich große Unterschiede im sexuellen Erleben einer Frau während der einzelnen Zyklusphasen feststellen. Kurz vor dem Eisprung steigt der Östrogengehalt rasant an. Der Körper der Frau wird auf eine mögliche Empfängnis vorbereitet. Die Brüste schwellen an, die Körpertemperatur steigt und der Vaginalschleim ist dünnflüssig. In dieser Phase sind die meisten Frauen sexuell leicht ansprechbar, während die Phase nach der Menstruation eher als lustlose Zeit beschrieben wird. Auch kann sich in Abhängigkeit vom Menstruationszyklus die Ansprechbarkeit auf sexuelle Reize verändern. Das kann dazu führen, dass bestimmte sexuelle Praktiken je nach Zyklusstand gemocht oder abgelehnt werden. Und auch die weibliche Unlust bekommt eine physiologische Komponente.
Marta Meana – der eigene Körper als Quelle der Lust
Nach Marta Meana spiegelt die Sexualität in erster Linie die Einstellung zum eigenen Körper. Das weibliche Verlangen kann dabei auf einer Skala von schwach bis stark eingeordnet werden. Nach Meana entscheidet dabei im Wesentlichen die Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers als attraktiv oder unattraktiv über die sexuelle Lust einer Frau.
Starke negative Körperselbstbilder führen somit eher zu einer Vermeidung sexueller Aktivitäten und strahlen auch auf mögliche Sexualpartner aus. Je mehr eine Frau an ihre eigene Unwiderstehlichkeit glaubt, umso eher glaubt sie auch dem Begehren ihres Partners. Weibliche Unlust ist damit eine direkte Antwort unseres Körpers auf unsere Gedanken!
Fazit

Die weibliche Lust ist vielschichtig! Es gibt nicht die weibliche Lust, die einem Schema folgt. Frauen können ihre Sexualität spontan oder responsiv leben. Sie können dabei die unterschiedlichsten Motive ausleben und glücklich oder unglücklich sein. Sexuelle Lust und sexuelle Unlust sind zwei gleichwertige Möglichkeiten. Die Entscheidung über die Wahl trifft jede Person allein für ihr Leben.
Der Blick auf den eigenen Körper spielt eine große Rolle beim Erleben von Sexualität. Die Entdeckung des eigenen Körpers und das Wissen um die lustvollen Reaktionen können entscheidend zu einer erfüllten Sexualität beitragen. Dabei müssen Frauen Verantwortung dafür übernehmen, ihr Wohlbefinden auszubauen.
Die weibliche Sexualität ist in entscheidendem Maß kontextabhängig. Es gibt aktivierende und hemmende Faktoren. Diese sind ein Leben lang erlernbar und können erforscht und erweitert werden. Sexualtherapie kann dabei helfen, den persönlichen Motiven auf den Grund zu gehen. Sie können gerne Kontakt zu mir aufnehmen.

