Wie viel Sex ist normal?

Die Mathematik einer guten Beziehung

„Ich mache mir Sorgen um meine Beziehung! Wir sind jetzt seit fünf Jahren zusammen und haben nur noch sehr selten Sex. Am Anfang unserer Beziehung hatten wir dauernd Sex – man kann sagen, wir konnten die Hände nicht voneinander lassen. Heute sind wir abends einfach zu müde – es gibt tausend andere Dinge, die wichtiger sind. Manchmal ist es auch nur der Fernseher, der unsere Aufmerksamkeit fesselt. Das ist auch okay, aber wie soll das werden, wenn wir noch länger zusammen sind? Werden wir dann keinen Sex mehr haben? Müssen wir uns damit zufriedengeben?“

Die Statistiken sind eindeutig: Je länger ein Paar zusammen ist, umso seltener haben die Partner gemeinsamen Sex! Während manche Paare zu Beginn ihrer Beziehung oft mehrfach täglich sexuell aktiv sind, schrumpft diese Häufigkeit zusehends mit dem Fortschreiten der Beziehung.

Das Alter der Beziehungspartner spielt hierbei keine Rolle. So zeigte ein Vergleich von 30-, 45- und 60-jährigen Paaren, deren Beziehungsdauer ungefähr gleich lang war, dass die Anzahl der sexuellen Begegnungen keinen großen Unterschied aufwies.

Die Frequenz der „Beischlafaktivität“ nimmt in den ersten Jahren der Beziehung kontinuierlich ab, um dann in ein recht stabiles Plateau überzugehen (Everaerd & Spiering, 2007).

Trotzdem bleibt die – wenn auch stark nachgelassene – Sexualität für die meisten Paare ein wichtiges Kriterium für die Funktionalität ihrer Beziehung.

„Gar-kein-Sex“ stellt eine akute Bedrohung der Beziehung dar!

Es ist für die Definition der Paarbeziehung von immenser Bedeutung, dass Sexualität stattfindet. Wie oft Sex passieren muss, damit die Beziehung als stabil gilt, ist ein riesiges Fragezeichen, das den Beziehungspartnern zu denken gibt.

Ist einmal im Jahr zu wenig? Reicht jedes zweite Wochenende? Nur zu besonderen Anlässen?

Es gibt keine genauen Angaben darüber, wie viel Sex ausreicht, damit eine Beziehung sich „gut“ nennen darf. Aber es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass es Sex geben muss! Da liegt es nahe, dass man mal bei den „Anderen“ schauen geht und „verlässliche“ Zahlen nachschlägt, die sich gut mit den eigenen Gegebenheiten vergleichen lassen.

Was Zahlen verraten – und was nicht

Das Neon-Magazin veröffentlichte eine Umfrage unter 1.000 Personen im Alter von 20 bis 35 Jahren. Erfasst wurde die durchschnittliche monatliche Häufigkeit sexueller Aktivitäten. Die Ergebnisse zeigen ein typisches Muster: Sehr geringe (1- bis 5-mal pro Monat) oder sehr hohe Frequenzen (21- bis 30-mal pro Monat) wurden nur von wenigen Teilnehmenden angegeben. Der größte Anteil lag im Bereich von 6- bis 10-mal pro Monat. Dieser Wert repräsentiert den statistischen Schwerpunkt der Stichprobe, jedoch keine allgemeingültige Norm.

Aussagen darüber, was „normal“ ist, lassen sich aus dieser Erhebung nicht ableiten. Die Daten geben lediglich Auskunft über die Häufigkeitsverteilung innerhalb dieser spezifischen Gruppe. Normativ gültige Aussagen erfordern populationsbezogene Vergleichsdaten, die hier nicht erhoben wurden.

Um die Häufigkeit sexueller Aktivitäten mit der Orgasmuserfahrung zu kontextualisieren, können Ergebnisse anderer Untersuchungen herangezogen werden. Studien zur Orgasmushäufigkeit zeigen, dass etwa 17 % der Frauen immer und 47 % der Frauen meistens zum Orgasmus kommen. Diese Werte beziehen sich auf allgemeine sexuelle Aktivitäten und wurden unabhängig von der Neon-Erhebung erhoben.

Unter der Annahme, dass in der Neon-Stichprobe 500 Frauen vertreten waren und 35 % von ihnen (≈ 175 Frauen) im Bereich von 6- bis 10-mal Sex pro Monat liegen, ergibt sich folgende rechnerische Verteilung:

  • 17 % von 175 Frauen (≈ 30 Frauen) berichten, immer zum Orgasmus zu kommen.
  • 47 % von 175 Frauen (≈ 82 Frauen) berichten, meistens zum Orgasmus zu kommen.
  • Damit verbleiben rechnerisch 63 Frauen, die selten oder nie zum Orgasmus kommen.

Solche Gegenüberstellungen zeigen, wie komplex sexuelle Zufriedenheit ist und wie wenig sich aus reinen Häufigkeitsdaten über die Qualität sexueller Erfahrungen ableiten lässt. Sexualität ist ein multidimensionales Geschehen, das von körperlichen, psychischen und partnerschaftlichen Faktoren beeinflusst wird.

Dabei soll ein Orgasmus hier nicht als Qualitätssiegel für gelungenen Sex aufgebauscht werden. Es gibt sehr viele genussvolle Liebesspiele, die nicht im Orgasmus enden.

Häufigkeit ist kein Gütekriterium

Dennoch scheint mir, dass die Auskunft zur Häufigkeit von sexuellen Kontakten zu viele Fragen offenlässt und zu sehr auf die alleinige Ausübung von Sex als Gütekriterium abzielt. Häufigkeit allein ist kein verlässlicher Indikator für Erfüllung.

Sex sollte doch in erster Linie allen Beteiligten Genuss bereiten – Spaß machen. Und wenn etwas Freude bereitet und genussvoll ist, dann wollen wir meistens automatisch mehr davon.

Partnerschaftliche Sexualität ist keine körperliche Verpflichtung gegenüber der Partnerin oder dem Partner. Sexualität muss freiwillig und selbstbestimmt gelebt werden. Dabei spielt es keine Rolle, welche Praktiken oder Szenarien als lustvoll erlebt werden. Auch ist es nicht Vorgabe, dass überhaupt Lust – im Sinne einer sexuellen Erregung – eine initiierende Rolle spielen muss. Die sexuelle Erregung kann auch durch das Tun erweckt werden.

Sexualtherapie kann helfen, die eigene sexuelle Lust zu entdecken sowie sexuelle Fähigkeiten zu entwickeln oder auszubauen. Aber sie kann auch dabei helfen, die eigenen Grenzen zu verstehen und zu akzeptieren und uns so letztendlich sicher zu fühlen mit unserer Sexualität. Nehmen Sie gerne Kontakt zu mir auf.